Irgendwann, vor ein paar tausend Jahren, sass vermutlich ein steinzeitlicher Bauer auf einem wackligen Holzschemel, starrte eine Kuh an und dachte sich: „Wenn das Kalb das trinken darf, dann ich
doch auch.“ Und zack – war die Menschheitsgeschichte eine andere. Vielleicht war es Hunger, vielleicht Langeweile, vielleicht pure Neugier. Aber diese kleine Entscheidung – einem Tier die Milch
abzuluchsen – hat uns zu dem gebracht, was wir heute so beiläufig in unsere Cappuccinos kippen.
Natürlich: Milch war ein Wundergeschenk. Fett, Eiweiss, Zucker, alles in einer Flüssigkeit. Und nein, damals hat niemand über „Laktoseintoleranz“ geklagt, da gings ums Überleben, nicht ums Bauchgrummeln. Der Clou dabei: Damit Milch fliesst, braucht es ein Kalb. Und damit wir Menschen Milch bekommen, muss dieses Kalb… ja, weg. Irgendwohin. Hauptsache nicht an die Zitzen der Mutter. Wir haben uns also ziemlich früh darauf geeinigt, dass Mutter-Kind-Beziehungen in der Tierwelt verhandelbar sind – solange wir davon profitieren.
Genial? Vielleicht. Brutal? Ganz sicher.
Interessant dabei: Nur ein Teil der Weltbevölkerung hat sich überhaupt genetisch die Fähigkeit angeeignet, Milch im Erwachsenenalter zu verdauen. Also nicht die Menschheit an sich ist zur „Milchtrinker-Spezies“ geworden, sondern nur ein paar besonders hartnäckige Nachfahren jener experimentierfreudigen Bauern. Und trotzdem tun wir heute so, als sei Milch das Natürlichste der Welt.
Wir trinken sie, wir schäumen sie, wir kochen mit ihr, wir produzieren ganze Werbekampagnen über „die weisse Reinheit“. Kaum jemand denkt daran, dass Milch eigentlich nicht für uns gedacht war. Sondern für ein Kalb, das vielleicht noch irgendwo im Stall steht und ratlos die Gitterstäbe ableckt. Und jetzt mal ehrlich: Hätten wir uns damals, als wir dieses kleine Abkommen mit der Kuh geschlossen haben, vorgestellt, dass daraus Supermarktregale mit 50 Sorten Milch werden – hätten wir es trotzdem gemacht? Wahrscheinlich schon. Wir sind ja Menschen. Wir hätten vermutlich auch Kamel-, Lama- oder Delfinmilch melken lassen, wenn sie nur hübsch im Cappuccino geschäumt hätte.

Milch – sie klingt so harmlos. Ein Glas zum Zmorge, ein Schluck im Kaffee, ein Klecks im Kartoffelstock. Aber dahinter steckt eine Wirtschaft, die komplizierter ist als jeder Steuerbescheid. Und
ein Klima-Faktor, den man lieber nicht im Smalltalk erwähnt, wenn gerade jemand genüsslich an seinem Latte Macchiato nippt.
Fangen wir bei den Preisen an: In der Schweiz kostet Milch mehr, in Deutschland weniger. Warum? Nun, weil wir hier noch Kühe auf der Weide sehen, während dort Schiffe aus China Kraftfutter
liefern, das Kühe nie in ihrem Leben „bestellt“ hätten. So wird Milch künstlich billig gemacht. Billig für den Konsumenten – teuer für die Kuh, für die Bauern und fürs Klima. Dass parallel dazu
die Laktoseintoleranz wie von Zauberhand steigt, während der Milchpreis sinkt, ist natürlich reiner Zufall. (Oder eben nicht.)
Und dann das Klima. Kühe produzieren Methan. Viel Methan. Ein Gas, das unsere Atmosphäre so liebt wie wir den Milchschaum auf dem Cappuccino. Gleichzeitig verbrauchen Mandeln in Kalifornien
Unmengen an Wasser, Soja für Milchalternativen kommt aus Übersee, und der Transportweg ist länger als der Wochenendstau am Gotthard. Wir bewegen uns also zwischen „böser Kuh“ und „durstiger
Mandel“. Nachhaltig ist das alles nur im Marketing.
Dazu kommt der Wandel im Verhalten. Früher: Milch war Grundnahrungsmittel. Heute: Milch ist Lifestyle. „Oat Latte“ klingt einfach besser als „Kaffee mit Milch“. Der Konsum wird nicht weniger, er
wird nur anders verpackt. Und wer glaubt, die Welt rette sich von allein, nur weil er Hafermilch statt Kuhmilch bestellt, sollte vielleicht mal einen Bauern fragen, wie es um seine Bilanz
steht.
Am Ende ist Milch ein Spiegel unserer Gesellschaft: Wir wollen alles – billig, bio, regional, klimaneutral und am besten noch laktosefrei. Eine fragile Rechnung, die nicht aufgeht. Denn egal, ob Kuh oder Mandel: Die Rechnung zahlt immer jemand anderes. Und Hand aufs Herz: Solange der Cappuccino schön aussieht und die Milchschaumkrone hält, interessiert es uns doch herzlich wenig, wer gerade wirklich draufzahlt – die Bäuerin, die Kuh oder das Klima.

Hafer, Mandel, Soja, Kokos, Erbse – willkommen im neuen Goldrausch des 21. Jahrhunderts: die Milchersatz-Industrie. Ein Milliardenmarkt, der uns mit dem guten Gefühl versorgt, etwas fürs Klima, die Tiere und natürlich für uns selbst zu tun. Ein Schluck Hafermilch – und schon sind wir moralisch zwei Stufen höher als der Nachbar mit seiner Kuhmilch. Bravo, wir retten die Welt! Oder?
Schauen wir genauer hin. Mandelmilch: Wird in Kalifornien angebaut, wo Wasser knapper ist als Parkplätze in Luzern. Für einen Liter Mandelmilch braucht es rund 4 Liter Wasser allein zur Produktion der Nüsse. Von den Bienen, die für die Bestäubung millionenfach gezüchtet und massenhaft getötet werden, reden wir gar nicht erst. Hafermilch: Einheimischer? Teilweise. Aber die hippen Marken fliegen ihr Getreide quer durch Europa, um am Ende eine Verpackung zu drucken, die mehr Nachhaltigkeit ausstrahlt als tatsächlich drinsteckt.
Und die Gastronomie? Die darf sich den Spass antun: Der Gast bestellt Mandelmilch, die Barista hat aber nur Hafermilch – und schon ist die Empörung grösser als bei einer verspäteten SBB. Dass die
Kuhmilch daneben regional, frisch und verfügbar wäre, interessiert niemanden. Ethik wird heute bestellt wie ein Zusatzshot Vanille: bitte mit Milchersatz, aber ohne Aufpreis.
Natürlich: Kuhmilch ist nicht unschuldig. Jede Kuh muss jedes Jahr ein Kalb gebären, nur damit wir unseren Cappuccino schäumen können. Das ist grausam und daran gibt es nichts zu beschönigen.
Aber wer ernsthaft glaubt, die Welt werde gerettet, nur weil er auf Hafermilch umsteigt, macht sich selbst etwas vor. Wir haben die Kuh aus dem Fokus genommen, nur um sie durch den Mandelbaum zu
ersetzen.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Weder Kuhmilch noch Milchersatz sind die Lösung. Beide haben ihren Preis – nur bezahlen ihn nicht wir, sondern jemand anders. Und die Frage, die wir uns stellen sollten, ist nicht „Kuh oder Hafer?“, sondern: Warum glauben wir eigentlich, dass wir für jedes Getränk eine moralisch einwandfreie Milch brauchen? Denn am Ende, Hand aufs Herz: Es geht uns doch weniger ums Tierwohl oder ums Klima – und viel mehr darum, dass der Cappuccino hübsch aussieht und wir beim Trinken das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen.

Früher war Milch einfach Milch. Punkt. Wer nach Milch fragte, bekam ein Glas Kuhmilch. Fertig. Heute muss man vor dem Regal fast einen Master in Agrarwissenschaften haben, um überhaupt zu wissen, welche Sorte man mitnehmen soll. Kuhmilch, Bio-Kuhmilch, Demeter-Kuhmilch, Laktosefreie Kuhmilch, Haferdrink, Mandelmilch, Sojamilch, Kokosmilch, Erbsenmilch, Cashew-Milch… Bald vermutlich auch Milch aus Kartoffeln, Brennnesseln oder Quinoa.
Das Milchregal ist längst kein Regal mehr, sondern eine Kathedrale der Überforderung. Mehr Auswahl als auf der Weinkarte in einem Sterne-Restaurant – nur mit weniger Genuss. Man steht davor, liest „Haferdrink Barista Style, mit extra Schaumgarantie“ und fragt sich: Wer hat eigentlich entschieden, dass wir Schaum brauchen, der länger hält als die SBB-Pünktlichkeit?
Und die Joghurts! Ganze Gänge voll. Naturjoghurt, Biojoghurt, laktosefrei, griechisch, isländisch, mit Protein, ohne Zucker, mit 12 verschiedenen Superfoods, die man nur mit Google Translate versteht. Es gibt ernsthaft mehr Joghurt-Varianten im Regal, als es Kühe auf Schweizer Weiden gibt. Und das alles, damit wir beim Frühstück das Gefühl haben, individuell und frei zu wählen.
Die Absurdität dabei: Je grösser die Auswahl, desto weiter entfernen wir uns vom Ursprung. Wir haben Milch so lange verfeinert, entrahmt, fermentiert und aromatisiert, bis wir vergessen haben, dass sie mal aus einem Euter kam. Heute ist Milch eine Designfrage. Ein Accessoire. Eine Identität. „Sag mir, was du trinkst, und ich sage dir, wer du bist.“
Manchmal frage ich mich: Wollen wir wirklich Vielfalt – oder wollen wir nur die Illusion davon? Denn während wir vor überfüllten Regalen stehen und krampfhaft überlegen, ob wir Hafer-Vanille oder Mandel-Haselnuss nehmen sollen, wartet die Kuh draussen im Stall immer noch darauf, dass ihr jemand Heu bringt.
Die Wahrheit ist: Wir haben Milch zu einem Lifestyle-Produkt hochstilisiert. Aber je mehr Auswahl wir haben, desto weniger Genuss bleibt übrig. Am Ende ist es egal, ob Kuh, Hafer oder Mandel – der Cappuccino schmeckt sowieso nach dem gleichen Staubzucker, den man oben draufstreut.

Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder einen Gang runterzuschalten. Statt Milch und Milchersatz bis zur Unkenntlichkeit zu vergleichen, könnten wir uns daran erinnern, was Milch überhaupt ist: Nahrung für ein Kalb. Punkt. Nicht für die Menschheit, nicht für den Lifestyle, nicht für die Instagram-Story. Für ein Kalb.
Das heisst nicht, dass wir jetzt alle sofort den Cappuccino abbestellen und nur noch Kamillentee trinken sollen. Aber vielleicht könnten wir Milch – egal ob von der Kuh oder vom Hafer – wieder als das sehen, was sie sein könnte: ein Genussmittel. Nicht ein Grundrecht, nicht eine ideologische Waffe, sondern etwas, das man bewusst konsumiert. Weniger, dafür besser.
Denn wenn wir ehrlich sind: Wir trinken heute nicht Milch, weil wir sie brauchen, sondern weil wir können. Weil das Regal voll ist. Weil die Werbung uns einredet, dass wir ohne Eiweissdrink am Morgen nicht funktionieren. Und weil wir es lieben, mit dem Finger auf die „anderen“ zu zeigen: die böse Milchindustrie, die bösen Mandelplantagen, die bösen Methan-Kühe.
Dabei wäre die Lösung so einfach: weniger Milch. Weniger Ersatz. Und wenn, dann geniessen. Das Stück Käse bewusst, der Cappuccino mit Freude, das Joghurt ohne schlechtes Gewissen. Und vielleicht – das ist der grösste Luxus unserer Zeit – einfach mal „nein danke“ sagen, wenn man keine Lust auf Milch hat.
Und ja, vielleicht auch mal die Statistik im Hinterkopf behalten: In Deutschland sank der Milchpreis, während die Laktoseintoleranz stieg. Reiner Zufall, versteht sich. Aber irgendwie passt es ins Bild: Je billiger die Milch, desto grösser das Bauchweh. Am Ende ist es nicht die Kuh, die das Problem ist. Nicht der Hafer, nicht die Mandel. Sondern wir, die glauben, jedes Problem mit einer neuen Sorte Milch lösen zu können. Weniger wäre mehr. Aber wer weiss – vielleicht erfindet gerade irgendwo jemand die erste klimaneutrale Milch aus Regenbogenextrakt. Und wir würden sie kaufen. Garantiert.
Kommentar schreiben
Olivia (Sonntag, 24 August 2025 01:04)
Ach, wie wahr. Da sitzt man, liest diese Zeilen und denkt: Ja, da bin ich, in all meiner modernen Widersprüchlichkeit. Eine Melodie, die man schon kennt, aber nun so leise und klar spielt, dass man sie nicht ignorieren kann.
Warum nur streben wir stets nach dem Anderen und dem Mehr, ohne uns die Zeit zu nehmen, die wahren Gedanken dahinter zu sortieren? Es ist, als hätten wir das Denken an der Garderobe abgegeben, nur um uns in einen Strudel aus Wollen und Haben zu stürzen. Ein Wollen, das uns nie erfüllt. Ein Haben, das nie genug ist.
Danke. Nicht nur für die Inspiration, sondern vor allem für den Mut, das auszusprechen. Ein erfrischend ehrlicher Block, der nicht nur mutig ist, sondern auch ein wenig schmerzt. Aber auf eine gute Art. Auf eine Art, die einen dazu zwingt, wieder hinzusehen. Und ja, ich bin voll dabei. Voller dabei als je zuvor.
Olivia - Mandelmilch drinkende welche gerade sich Gedanken über ihren "Milch" Konsum macht